Schulinterne Beratungsstelle am Meinhardinum


„Ich muss jetzt gehen, ich hab einen Termin bei der Psychologin!“, sagte eine Schülerin in einer zweiten Klasse während der Stunde, stand auf und ging. Die Selbstverständlichkeit, mit der das ablief, war beeindruckend, ebenso die Reaktion der anderen: Kein Erstaunen, keine Bemerkung, kein Lachen. Diese Episode liegt nun schon einige Jahre zurück und damals war die Möglichkeit, sich direkt im Meinhardinum psychologisch beraten zu lassen, noch neu. Der Start im Jahr 2000 unter der damaligen - etwas sperrigen - Bezeichnung „Psychosoziale Kompetenz an Schulen, ein Pilotprojekt….“ war alles andere als einfach. Es gab Vorbehalte, Ängste, Bedenken. Aber wenige Monate später konnten schon unsere Zwölfjährigen recht gut damit umgehen, dass eine Mitschülerin den Rat der Psychologin brauchte.
Nach mittlerweile sechs Jahren hat sich unsere „Schulinterne Informations- und Beratungsstelle“ am Meinhardinum fest etabliert. SchülerInnen, KollegInnen und auch Eltern nehmen dieses Unterstützungsangebot regelmäßig und gerne in Anspruch.

Beim Start im Jahr 2000 formulierten wir die folgenden Ziele:

1) Erhöhung der psychosozialen Kompetenz:

                • Förderung der Gesprächsbereitschaft über psychische Belange
                • Förderung der Offenheit gegenüber psychosozialen Problemen
                • Erhöhung der Auseinandersetzungsbereitschaft aller am Schulgeschehen beteiligten Personen

2) Psychosoziale Unterstützung

            Auf SchülerInnenebene:
                    • Bei Belastungen und schwierigen Lebenssituationen
                    • Bei Lernschwierigkeiten
                    • Bei persönlichkeitsstrukturellen Problemen
                    • Bei Sucht- und Missbrauchsverhalten
                    • Bei Selbstschädigungstendenzen
                    • Bei suizidalen Krisen
                    • Bei Aggressionen
                    • Bei gruppendynamischen Eskalationen

            Auf LehrerInnenebene:
                       • Weiterbildungsveranstaltungen
                       • Fallbesprechungen

            Auf Schulebene:
                        • Aufbau eines Unterstützungs- und Weiterbildungsprogramms für alle Schulpartner

3) Etablierung des Pilotprojekts

            Möglichst bald soll aus dem Pilotprojekt eine dauernde Einrichtung werden.

Heute stellen wir fest, dass der Großteil dieser Ziele erreicht werden konnte, wobei der Schwerpunkt unserer Arbeit auf der Unterstützung der SchülerInnen liegt.
Von Anfang an war klar, dass es dazu nicht genügt, einfach eine Psychologin für ein paar Stunden an die Schule zu holen. Das Projekt musste von der gesamten Schule getragen werden. Der Schulerhalter übernahm den Großteil der Kosten und auch Elternverein und Landesschulrat haben das Projekt großzügig unterstützt. Nur gemeinsam konnten die Ziele erreicht werden.

DAS TEAM

Für die Beratung sind Mag. Simone Tscherntschitz (externe Psychologin) und Mag. Claudia Holzer (Lehrerin mit therapeutischer Ausbildung) zuständig.
Mag. Karin Mair, Mag. Claudia Weber, Mag. Helmut Rödlach und MMag. Georg Jud bilden das Lehrerteam. Während der ersten Jahre gehörte auch Frau Mag. Helga Reichsöllner unserem Team an. Im Lauf der Zeit haben sich je nach den besonderen Stärken und Interessen der Teammitglieder ihre Aufgabenbereiche entwickelt.
Wir treffen uns mehrmals jährlich, um über Entwicklungen, geplante Projekte, Schwerpunkte und Probleme zu sprechen.


BERATUNG UND WEITERVERMITTLUNG

Einmal wöchentlich (bzw. nach Vereinbarung) steht das Zweierteam der Schule zur Verfügung. Abt German überließ uns einen eigenen Raum, welcher von SchülerInnen künstlerisch mitgestaltet wurde. Die meisten finden unseren „Psychobunker“ „echt cool“.

Die Grundidee des Projekts, die Psychologin zu den Jugendlichen zu bringen und nicht umgekehrt, hat sich bewährt und die natürliche Hemmschwelle wird noch niedriger, wenn die Beratung bei einer Psychologin stattfinden kann, die sonst nichts mit der Schule zu tun hat. Bei Bedarf vermitteln wir die Kinder/Jugendlichen an kompetente Stellen weiter. So stand in den ersten Jahren viel Vernetzungsarbeit mit umliegenden psychologischen Einrichtungen am Programm (PsychotherapeutInnen, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderklinik, Beratungsstellen wie Erziehungsberatung, Kinderschutzzentrum, „Frauen gegen Vergewaltigung“, Männerberatung, …).

Unsere Beratungsstelle wird immer mehr von Eltern in Anspruch genommen. Diese wenden sich mit spezifischen Erziehungsfragen und bei Problemen mit ihren Kindern an die Psychologin.



INTERVENTIONEN IN KLASSEN

In den ersten Jahren wurden wir häufig von Klassenvorständen beauftragt, Konflikte in ihren Klassen zu bearbeiten. Verbrachten wir im Schuljahr 2001/2002 noch 32 Stunden in Klassen, so waren es im Jahr 2005/6 nur mehr vier Stunden.
Wir führen diese Tendenz auf zwei Ursachen zurück: Zum einen auf die hervorragende Arbeit von Mag. Karin Mair und Mag. Helmut Rödlach (Soziales Lernen in den ersten Klassen) und zum anderen darauf, dass sich viele LehrerInnen in zunehmendem Maß selber um Konfliktlösung und um ein gutes Klima in den Klassen bemühen. Unsere Aufgabe ist immer mehr das Gespräch mit den Klassenvorständen und LehrerInnen und weniger die unmittelbare Problemlösung in den Klassen.


SOZIALES LERNEN

In Absprache mit den Klassenvorständen werden von Mag. Karin Mair und Mag. Helmut Rödlach individuelle Formen des „Sozialen Lernens“ für die jeweiligen Gruppen entwickelt. Mag. Karin Mair hat vor kurzem eine erlebnispädagogische Ausbildung abgeschlossen. Mag. Helmut Rödlach leitet - gemeinsam mit Frau Mag. Notburga Fuchs (Lehrerin und Theaterpädagogin) - die Theatergruppe an der Schule. Diese Kompetenzen setzen die beiden unter anderem bei den sehr beliebten erlebnispädagogischen Tagen der ersten Klassen ein.
Erklärtes Ziel wäre es, das „Soziale Lernen“ in der gesamten Unterstufe zu etablieren.



EXPERTINNEN AN DER SCHULE

Wenn Kinder/Jugendliche spezifische Fragen haben, laden wir kompetente Fachleute ein. Geschlechtsspezifische Arbeit wurde von den Beratungsstellen MIM (Mädchen im Mittelpunkt) und der „Männerberatung“ übernommen. Zum Thema Essstörungen luden wir ReferentInnen von AVO-MED ein. „Kontakt und Co.“ übernahm einen mehrtägigen theaterpädagogischen Workshop zum Thema „Suchtprävention“. Mag. Karin Mair startete ein erlebnispädagogisches Projekt in Zusammenarbeit mit dem Internat.
Für LehrerInnen fanden bisher zwei Veranstaltungen statt: „Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen“ mit Frau Dr. Brigitte Hackenberg und ein Workshop zum Thema „Burn-Out“ mit Frau Dr. Margret Aull.


BERATUNG KONKRET

Beratungsstelle? Zuerst dachte ich, es sei eine gute Einrichtung für Schüler, die Hilfe brauchen. Zwei Jahre später suchte ich sie selbst auf. Die Beratungsstelle am Meinhardinum ist: Ein Ort, wo dir zugehört wird. Ein Ort, wo du über all deinen Kummer, deine Sorgen und Ängste sprechen kannst. Ein Ort, wo du ernst genommen wirst. Ein Ort zum Wohlfühlen. Ein Ort, wo Simone und Claudia für alles und für jeden ein offenes Ohr haben. DANKE!!!
(Maturantin 2003/04)


Der erste Schritt in die Beratung fällt nur den wenigsten leicht. „Meinen die anderen in der Klasse, ich bin nicht ganz dicht, wenn ich zur Psychologin gehe?“ „Werde ich ausgelacht, wenn ich in die Klasse zurückkomme?“ „Ist der/die Lehrer/in beleidigt, wenn ich ausgerechnet in seiner/ihrer Stunde fehle? Solche Fragen stellen sich am Anfang viele, die Rat suchen wollen. Aber nach dem ersten, oft unsicheren Schritt in die Beratung tritt in den meisten Fällen schnell Entlastung ein und die vertrauensvolle Beziehung wird geschätzt.
Die Terminvereinbarung erfolgt häufig über das Sekretariat. Viele persönliche Gespräche und Hilfestellungen finden bereits dort statt. An dieser Stelle möchten wir unseren beiden Sekretärinnen einmal ausdrücklich dafür danken, dass sie dadurch sehr viel Arbeit für unser Projekt leisten und uns eine wertvolle Hilfe sind.
Immer wieder kommt jemand zur Beratung, weil besorgte MitschülerInnen dazu gedrängt haben, oft solche, die die Beratung bereits selber beansprucht haben.
Niemals aber werden SchülerInnen gegen ihren Willen von LehrerInnen zur Psychologin geschickt. Freiwilligkeit und Verschwiegenheit sind uns sehr wichtig. Nur in seltenen Fällen, etwa bei Essstörungen und Suizidgefahr, wird ein Gespräch forciert und dann werden die Eltern auch gegen den Willen des Kindes/ Jugendlichen kontaktiert.
SchülerInnen können problemlos während des Unterrichts zur Beratung gehen, sie werden auch häufig von Klassenvorständen und KlassenlehrerInnen darin bestärkt. Dieses Vertrauen des gesamten Lehrkörpers empfinden wir keinesfalls als selbstverständlich, es unterstützt uns sehr.
Mit dem Bubeninternat unter der Leitung von Thomas Egger hat sich eine enge Kooperation entwickelt. Das Internatsteam konnte durch sehr viel Engagement so manchen „Problemschüler“ über das Schuljahr begleiten.

„Ich kann mich einfach nicht konzentrieren und schreib nur mehr schlechte Noten!“ Dieser Satz ist oft der Einstieg in die Beratung. Nach kurzer Zeit stellt sich meistens heraus, dass Kinder und Jugendliche unter ganz anderen Problemen leiden: Probleme in der Familie, Trennung der Eltern, Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen, Ausgrenzungen, Liebeskummer, …
Betroffene reagieren unterschiedlich auf persönliche Probleme. Tendenziell lässt sich sagen, dass Buben eher über Verhaltensauffälligkeiten auf sich aufmerksam machen, während Mädchen ihre Problematik großteils still äußern, z.B. über autoaggressives Verhalten, Depressionen, Essstörungen. Der Großteil unserer Klientel sind junge Frauen aus der Oberstufe, was uns eigentlich nicht wundert, spiegelt sich darin doch die allgemeine gesellschaftliche Situation wieder: Frauen fällt es generell leichter, ihre Probleme zu äußern und sie nehmen daher auch häufiger Beratung und therapeutische Hilfe in Anspruch.
Die Beratungsdauer ist sehr unterschiedlich: Oft reichen schon ein bis fünf „Entlastungsgespräche“. Viele schaffen dann weitere Schritte allein und wagen vielleicht doch ein Gespräch mit den Eltern. Manche Kinder nehmen auch ihre Eltern in die Beratung mit, weil sie sich durch eine für sie Partei ergreifende Person (Psychologin) gestützt fühlen.
Einige Kinder/Jugendliche bleiben auch länger in der Beratung: Zuerst engmaschig (ein- bis zweimal wöchentlich), später in größeren Abständen.
Schwieriger als erwartet ist es, Kinder und Jugendliche an externe Fachleute für eine Therapie weiterzuvermitteln. Dazu müsste die vertrauensvolle Beziehung zu der Beraterin aufgegeben werden und das fällt offenbar nicht leicht.



EIN WENIG SELBSTKRITIK

Wenn wir auch in den vergangenen sechs Jahren viel erreicht haben, einiges bleibt doch noch zu tun und zu verbessern: Vor allem wäre es notwendig, noch mehr als bisher in den Klassen präsent zu sein. Die SchülerInnen sollten das Beratungsteam schon gut kennen, bevor ein Problem akut wird.
Vorträge von externen ExpertInnen sind in letzter Zeit selten geworden.
Wir hätten noch viele Ideen für Nachmittagsangebote (Entspannungskurse,…)


Mag. Claudia Holzer, MMag. Georg Jud
 

PERSÖNLICHES ZUM SCHLUSS


Auseinandersetzung mit psychischen Prozessen bedeutet Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Beziehungen und seiner Arbeit. Sich darauf einzulassen, bedeutet Anstrengung und Überwindung von Abwehr.
Die Medien vermitteln häufig nur ein negatives Bild von Schule. Schule scheint ein notwendiges Übel zu sein, LehrerInnen nerven, stressen, … In der Beratung zeigt sich ein anderes Bild von Schule. Wir sehen, wie wichtig es ist, dass die Schule ein Ort mit festen Strukturen und Beziehungen ist, wo Kindern und Jugendlichen sehr viel Halt, Sicherheit und Geborgenheit vermittelt wird.

Claudia Holzer