Spektrum 2000
die Zeitschrift des Meinhardinums


Redaktion: Mag. Walter Kimeswenger

Rückblick auf die 50-Jahr-Feier

Festansprache durch Bischof Dr. Reinhold Stecher - 9. Oktober 1999

Es ist sehr ungewöhnlich, eine Festansprache mit einem Schriftwort zu beginnen. 
Ich will es trotzdem wagen und lese aus dem Buch Kohelet 3:

Alles hat seine bestimmte Zeit: 
Eine Zeit zum Töten und eine zum Heilen,
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen.
Eine Zeit für die Klage
und eine für den Tanz...

In meinem doch mehr besinnlihen Part für diese Feier möchte ich diese Worte über das Stift Stams und das Meinhardinum und alles, was hier lebt und wirkt, breiten. Denn die wechselnden Wogen von Tod und Leben, dumpfer Gruft und sprossendem Grün, von Grauen und Großartigkeit, von Hass und von Hingabe, von Zerstörung und Aufbau - das alles hat der Wellenschlag der Geschichte über diesen Ort gelegt. Und dabei möchte ich etwas verweilen, weil ein gewisser Trost darin liegt.

Und so beginne ich hier, wo Tausende von jungen Menschen gelebt und studiert haben und leben und studieren, mit einem Oktobertag vor 731 Jahren, an dem ein Fünfzehnjähriger, der in die Spannungen und Intrigen einer brutalen Zeit geriet, in Neapel unter dem Schwert des Henkers starb. Dort hat man ihn verscharrt. Aber in Tirol hat seine trauernde Mutter ihrem Konradin ein Denkmal gestiftet, das viel mehr wurde als ein Mausoleum. Stams wurde gegründet. Es war die allerletzte aller staufischen Stiftungen. Tatsache ist, dass Stams aus dem Untergang eines gewaltigen Geschlechts aufblühte.
Es gibt eine Zeit zum Töten,
und eine Zeit zum Heilen.....

Es war einmal ein anderer Fünfzehnjähriger, den auch die politischen Geschlechterkämpfe und Intrigen des verfallenden Hochmittelalters erfassten und der in die Gefangenschaft ging, nach Hohenwerfen, der Burg des Erzbischofs von Salzburg, der wie damals üblich mehr Fürst und Machthaber war als ein Hirt der Seelen. Der Fünfzehnjährige hat seine ganze Jugend bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr hinter Mauern verbracht. Aber als er diesen Alptraum hinter sich lassen konnte, wurde er unbestritten einer der bedeutendsten Staatsmänner seiner Zeit. Er hat Tirol geeint, ihm eine bessere Verwaltung, ein höheres Rechtswesen, eine effiziente Geldpolitik und eine blühende Wirtschaft beschert. Und wie immer auch seine Motive gewesen sein mögen, ich bin ihm nicht böse, dass er meine Vorgänger in Brixen und Trient machtpolitisch kräftig abgeräumt hat. Er hat ihnen damit ein Spielzeug aus der Hand geschlagen, das sowieso nicht in die Hände von Apostelnachfolgern passt. Und mit dem Zurückdrängen von Adel und Kirche zugunsten der Rechte niederer Stände, vor allem der Bauern, hat er in Tirol die Uhren etwas anders gestellt. Dieser Meinhard, der als junger Mensch aus Kerkermauern kam, hat dem Meinhardinum den Namen gegeben.
Es gibt eben immer eine Zeit zum Weinen
und eine Zeit zum Lachen...

Es war einmal ein Jahrhundert, in dem der Glanz der Kirche in unserem Land alles bisherige übertraf und in dem der Geist der Aufklärung viel Segensreiches und Befreiendes brachte, aber auch eine schleichende Hybris des Menschen und einen Gott, der hinter die Wolken als Pensionist des Weltgeschehens verabschiedet wurde. Und diese Wogen gipfelten in einer Revolution, die man aus unbegreiflichen Gründen trotz siebenhunderttausend Ermordeter immer noch mit Paraden feiert. Und als die Menschen spürten, dass diese Gottlosigkeit an die Grenzen des Landes brandete, war es ein Abt von Stams, der vor den verzagten Landständen Tirols auf jenes Herz verwies, das hinter allem Unbill der Geschichte eben in Güte schlägt, von Geschlecht zu Geschlecht. Es war ein Abt dieses Stiftes, der dieses unser Land auf das innerste Mysterium verwies, weil es ihm der fromme Kurat von Wildermieming geraten hatte.
Es gibt immer eine Zeit zum Niederreißen 
und eine Zeit zum Aufbauen...

Und es war einmal ein Jahrhundert, das man das gescheiteste und dynamischste aller Jahrhunderte nennen muss, in dem der Mensch zu den Sternen griff und Technik und Erfindungen ein Rekordtempo vorgelegt haben, aber ein Jahrhundert, in dem hierzulande am Scheitelpunkt des Saeculums die Barbarei triumphierte wie kaum je zuvor. Auch dieser heilige Ort blieb nicht verschont. Es sah zeitweise nach einem Schrecken ohne Ende aus - ich habe das selbst erlebt, und im Siegesrausch des verbogenen Kreuzes schien alle Zukunft unterzugehn. Aber als die letzten Schüsse marrokanischer Besatzer in der Tiroler Fürstengruft verhallt waren,  begann es wieder, das uralte Gesetz vom Leben, das aus dem Tode kommt. Und Stams wurde in einer Symbiose Kloster und Schule, Gymnasium und Aufbaugymnasium, Akademie und Schigymnasium, Religionspädagogische Akademie und Sportstätte, Bibliothek und Don Bosco -Heim, so etwas wie eine landesweit bedeutsame Wiege der Werte. Denn das ist über alles notwendige Fachwissen hinaus die unverzichtbare Rolle einer Bildungsstätte, Wiege der Werte zu sein. Ich komme gerade aus einem Land (Albanien), in dem nach fünfzigjährigem Terror und Chaos sich diese Wiege kaum mehr bewegt - und darum weiß ich, wovon ich bei diesem fünfzigjährigen Jubiläum spreche.
Und ich glaube, dass man an den Wiegen der Bildung einer kommenden Generation immer wieder dieses Lied singen muss, das Lied von der Zeit, in der immer wieder aus dem Tod das Leben, aus dem Weinen das Lachen, aus dem Niederreißen das Aufbauen , aus dem Zweifel der Glaube und aus der Klage der Tanz kommt. Dieses Lied ist so tröstlich und im tiefsten so christlich, weil es immer wieder von der Dissonsnz zur Harmonie, von der Trauer zur Hoffnung, vom Licht ins Dunkel und vom Minus ins Plus weist.
Und mit der Aufgabe für Stams, mit dem Meinhardinum Wiege der Werte sein zu dürfen, hat dieser heilige Ort Tirols - um mit Kohelet zu sprechen- eine gute Zeit bekommen, eine Zeit zum Leben und zum Säen, zum Heilen und zum Bauen - und mit dem heutigen Tag auch eine zum Lachen und zum Tanzen.
 
 

 ”Bilingualer Unterricht”

Seit dem Beginn des Schuljahres 1999/2000 wird als Projekt in einigen Klassen der Unterstufe bilingual unterrichtet, d. h., Englisch wird als Unterrichtssprache in verschiedenen Schulfächern wie Religion, Geographie, Geschichte und  Biologie verwendet. Diese Art des Unterrichts bietet sich gerade für Professoren an, die auch Englisch unterrichten. Je nach Verfügbarkeit von brauchbarem Unterrichtsmaterial wird die englische Sprache unterstützend, intensiv oder sogar ausschließlich verwendet. Dass in einer von Computern beherrschten Zeit die Förderung der englischen Sprache nur von Vorteil sein kann, steht beim Großteil der Eltern und Lehrpersonen außer Frage. Bisweilen sehen die SchülerInnen diese Thematik jedoch differenzierter; die Meinungen gehen auseinander, zumal den Kindern durch den bilingualen Unterricht oft mehr abverlangt wird. Die Zukunft wird zeigen, ob die SchülerInnen diesem Mehraufwand, der für sie später sicherlich nur von Vorteil sein kann, positiv begegnen oder sich eher verschließen. 

Hier einige Schülermeinungen der 2a Klasse (Englisch als Arbeitssprache in Geschichte):

 
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"I think bilingual teaching is very good. Because when you are in other countries you can speak English about history. We learn much more vocabularies. In the English lesson we can use these vocabularies. When we read English texts, we learn more words." (Sarcletti Sebastian)

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"History is for me in English very difficult because I don´t talk English very well. I think history in German is much better. History is very interesting for me, because when I travel to Rome or Greece then I need history." (Pittl Ludwig)

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"I think it is a good idea but some words, sources and texts are difficult. I want to have history in English next year again." 
(Wörle Clemens)

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"I think we learn very many English words. That has good and bad sides. Good is that we understand things in English better. Bad is that it´s very difficult to learn." (Würzner Carola)

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"I like history in English, because it is good for my English. It  is very exciting. We have lots of copy sheets. So I think it is better to have a book for learning. " (Klingler Eva Michaela)

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"I think it´s very good, because it´s not so difficult and everybody needs English. We know lots of words. And I think the copy sheets are very interesting.” (Lethmüller Christoph)
 

 Mag. Roman Patterer

Namibia  Reisebericht
12. Juli - 4. August 1999

 
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azurblauer Himmel, heiß, trocken, karg und doch überaus abwechslungsreich

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ein riesiges Land im SW von Afrika, 10mal so groß wie Österreich, eine Abfolge von Küstenebenen, Schichtstufen und Binnenhochländer

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mit ca. 1,5 Millionen Einwohnern spärlichst besiedelt, verschiedenste Volksgruppen wie Owambo, Nama, San, Herero oder Himba leben zu 2/3 auf dem Land und zu 3/4 im etwas feuchteren Norden; die ungleiche Landverteilung bedingt jedoch auch hier eine erhebliche Landflucht, was zum Entstehen vieler Elendsviertel an den Rändern der größeren Städte geführt hat

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lange Zeit von den europäischen Kolonialmächten wegen der unwirtlichen Küste links liegen gelassen, erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unter deutsche Schutzherrschaft gestellt, obwohl das deutsche ”Intermezzo” nur ca. 30 Jahre gedauert hat, ist das ”Deutschtum” noch überall spürbar: nicht nur, dass man in jedem besseren Hotel in makellosem Deutsch empfangen wird, dass man in Städten wie Windhoek, Swakopmund oder Lüderitz gemütlich bei einem ”Kännchen Kaffee” und einer ”Käsesahnetorte” sitzen kann; der deutschstämmige Teil der Bevölkerung (ca. 30 000) hat auch wirtschaftlich in vielen Bereichen das Heft in der Hand

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1920 stellt der Völkerbund das damalige SW-Afrika als Mandatsgebiet unter die Aufsicht  von Südafrika, 1990 wird Namibia nach langen Verhandlungen unabhängig

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und wir haben drei Wochen Zeit dieses Land zu erkunden, wir - das sind: Paul, unser Namibia-Kenner und Organisator, Gerd, Clemens, Karin und Lydia - alle ihres Zeichens Lehrer am Meinhardinum, außer Karin, die an der HTL Innsbruck unterrichtet

 

Nun lassen wir die Rundreise zu den ”Highlights” Namibias aber beginnen. Dank Pauls überlegter Routenwahl bedeutete das jeweils 1 - 2 Hotelübernachtungen und 3 - 4 Campingtage, wobei auf das ”Wildcampieren” größter Wert gelegt wurde - eine perfekte Möglichkeit für uns verwöhnte Mitteleuropäer, mit einem halben Liter Wasser eine Ganzkörperwäsche zu versuchen. 
Nach einem Vorbereitungstag in Windhoek - Abholung des Mietwagens, ein Toyota Landcruiser mit kompletter Campingausstattung, Versorgung mit Proviant für die nächsten Tage, Geldwechsel usw. und einem fröhlichen Abend bei Carpaccio vom Strauß und einem ”Dialog” aus Kudu- und Oryxsteak neben exzellentem südafrikanischem Rotwein, geht es endlich los.
Auf der Fahrt in den ariden Süden überqueren wir den ”tropic of capricorn”, den südlichen Wendekreis. Etwa eine Tagesetappe - ca. 500 km sind es bis zum Köcherbaumwald. Köcherbäume sind Aloen, aus deren Ästen die San ursprünglich die Köcher für ihre vergifteten Pfeile hergestellt haben. Diese eigenwillig aussehenden Bäume sind in ganz Namibia unter Schutz gestellt und stehen meist einzeln, nur in der Nähe von Keetmanshoop glaubt man sich in einem Wald, da hier etwa 250 Exemplare auf wollsackverwittertem Gestein beieinander stehen.
Der Fishriver Canyon, der zweitgrößte Canyon der Welt nach dem Grand Canyon, ist unser nächstes Ziel. Die ca. 500 Höhenmeter bis zum Fluss sind schnell überwunden, retour geht’s etwas langsamer. Ausrasten können wir uns am Abend bei den Thermalquellen von Ai-Ais, einem beliebten Badeort mitten in der Wüste.
Der nächste Tag bringt eine abenteuerliche Fahrt Richtung Lüderitz, da wir eine auch für Paul unbekannte Route zum Oranje, dem Grenzfluss zu Südafrika wählen. Mit geographischem Orientierungsgefühl und einem Wegweiser lautend auf ORMD (=Oranjemund) finden wir schließlich die richtige Pad (=mehr oder weniger planierte Staubstraße, manchmal ”Wellblech” genannt, je nach Zustand) entlang des ausgetrocknetes Flußbettes des Gamkab River. Was für eine Augenweide, als wir endlich den Oranje erreichen, der aus den Drakensbergen im Osten Südafrikas kommt und über weite Strecken als Fremdlingsfluss Richtung Westen fließt. Streng heben sich die üppigen, grünen Ufer von dem kahlen Gebirge ab. Wir wenden uns nun Richtung Norden, folgen dem Fluss etwa 60 km. Von Rosh Pinah, einem Bergbaustädtchen, fahren wir östlich des Diamantensperrgebietes, das sich zwischen Oranjemund und Lüderitz  erstreckt, über Hochflächen, die teils wie eine Mondlandschaft anmuten und dann wieder von gelbleuchtenden Trockengräsern bedeckt sind. Bei Aus geht es scharf nach links, d. h. Westen, nach Lüderitz, das aufgrund der ”winterlichen Temperaturen und der Windstärke” für so manchen von uns zu dem wird, was Waterloo für Napoleon war. Nichts desto trotz machen wir uns auf zum Diaz Kreuz, das Batholomäus Diaz bei seiner Afrika-Umseglung errichtet haben soll. Die rauhe Steilküste und die steife Brise lassen uns erahnen, warum Namibia von den Europäern so lange unbeachtet blieb. Clemens wird endgültig zu ”Birdie” - endlich gibt es Vögel zu beobachten!
Auch Kolmannskuppe, eine ”ghost town” aus der Zeit des Diamantenrausches vor fast 100 Jahren, ist einen Besuch wert. Nichts war damals, als man die Diamanten noch einfach vom Boden auflesen konnte, zu teuer. Ein Veranstaltungssaal mit Jugendstilverzierungen, eine Turnhalle, eine Kegelbahn und sogar eine Eismaschine für den Champagner, der in Strömen geflossen sein soll, sind noch recht gut erhalten. Vieles aber hat die Wüste schon wieder zurück erobert, denn der Wind fegt wie ein Sandstrahlgebläse durch das alte Gemäuer. Deshalb sind hier auch wunderschön geformte Wanderdünen (=Barchane) zu bewundern, die pro Tag bis zu 16 m wandern können. Mit Schneepflügen muss die Straße von Lüderitz nach Aus von Sand freigehalten werden. 
Auf dem Rückweg von Lüderitz ”schnaufen” wir wieder auf die fast 2000 m hohe Hochfläche hinauf, sehen dabei die sogenannten ”wilden” Pferde der Namib, die seit Beginn des Jahrhunderts in der Wüste leben und sich dabei gut angepasst haben, angeblich versprengte Pferde des Pferdezüchters Wolff, der sich mit seinem Wüstenschloss Duwisib ein Denkmal gesetzt hat. Leider konnte er seine Pläne nicht mehr verwirklichen, da er im 1. Weltkrieg gefallen ist.
Bei Aus zweigen wir Richtung NW ab und erreichen gerade bei Sonnenuntergang das Ziel dieser Tagesetappe, die Namtib Farm. Beim gemeinsamen Abendessen erleben wir die recht anstrengenden Erzählungen des deutschen Aussteigerehepaares, das hier seit 17 Jahren offenbar glücklich lebt. Diese Farm am Rande der Wüste ist wirklich ein kleines Paradies, das aber durch langanhaltende Trockenperioden mit zu wenig Jahresniederschlag immer wieder gefährdet ist. Der Ruhetag auf der Namtib Farm mit einer kleinen Bergwanderung und einer Pirschfahrt mit Walter tut uns gut, denn am nächsten Tag erwartet uns eine lange Fahrt nach Sesriem am Eingang des Sossusvlei, der größten Dünenlandschaft der Namib.
Nach unserem ersten wilden Camp machen wir uns schon vor Sonnenaufgang und ohne Frühstück auf den Weg, um das beste Sonnenlicht für den geplanten Aufstieg auf eine der Dünen zu erhaschen, nur um nach ca. 60 km im ersten tieferen Sandloch stecken zu bleiben. Nur mit südafrikanischer ”Landroverhilfe” kommen wir da wieder heraus, aber das erste Sonnenlicht ist natürlich längst vorbei und wir marschieren bei schon recht großer Hitze auf die Dünen zu - aber es lohnt sich doch! Das ausgetrocknete Vlei unter uns, viele Dünenkämme neben uns, genießen wir den großartigen Ausblick für eine Weile, bevor wir wie über ein Schneefeld die Düne hinunterlaufen. Nun in der Mittagshitze erwartet uns ein schweißtreibender Rückmarsch zum Auto und wir stellen uns die Frage, wie es hier wohl im Südsommer ist. Als Belohnung gibt es den bisher schönsten Campingplatz bei Kriess-es-Rus - nur für uns allein.
Unser nächstes Ziel ist Swakopmund. Auf der Fahrt dorthin passieren wir Walvis Bay, das erst 1994 an Namibia angegliedert wurde. In Swakopmund beziehen wir bezeichnenderweise das Hotel Europahof, haben Zeit für einen kleinen Stadtbummel, gehen ins Museum und bewundern die liebvoll restaurierten Gebäude aus der Kolonialzeit wie z. B. das ”Alte Amtsgericht” oder den Bahnhof, kurz gesagt, erholen uns von den Campingstrapazen. Der nächste Tag bringt eine Auseinandersetzung mit der ”Welwitschia mirabilis”, der unsere Biologen im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen liegen. Nach deren Aussagen steht dieses ”lebende Fossil” am Übergang zwischen nacktsamigen und bedecktsamigen Pflanzen, bezieht das Wasser zum Überleben nur aus der Luftfeuchtigkeit des Nebels, der über den kalten Auftriebswässern des Benguelastromes an Namibias Küste entsteht und bis zu 1500 Jahre alt wird. Mit dieser Information im Rücken stehen auch wir ”Antis” ehrfürchtig vor der Welwitschia und photographieren sie von allen Seiten. Diesen lehrreichen Tag lassen wir in Erichs Fischrestaurant feuchtfröhlich ausklingen.
 Weiter geht es Richtung Norden, zuerst nach Hentiesbay, einem im Sommer beliebten Seebad, wo man aber jetzt im Südwinter bestenfalls die große Zehe ins Wasser halten kann, dann nach Cape Cross. In diesem Robbenschutzgebiet schwankt die Bevölkerung zwischen 80 000 und 100 000 Tieren. Wie man sich vorstellen kann, ist der Gestank bestialisch, aber unsere Biologen sind fast nicht loszueisen - auch wieder verständlich! Später bewegen wir uns wieder landeinwärts auf den Brandberg zu, wo wir der ”White Lady”, die wahrscheinlich gar keine Lady ist, einen Besuch abstatten. Diese berühmten Felsmalereien sind zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden. Genau dasselbe gilt für Twyfelfontein, wo man auf einer Rundwanderung Felsgravuren bewundern kann - einige dieser in Stein gemeißelten Antilopen, Giraffen, Nashörner, Elefanten und Springböcke sind bis zu 5000 Jahre alt.
 Diese Tiere können wir ”in natura” an den nächsten beiden Tagen auf unseren ”game drives” durch den Etosha Nationalpark sehen. Auch Löwen lauern bei den vielen Wasserlöchern auf ihre Beute und unser Birdie kommt endlich so richtig auf seine Kosten. Für den Tourismus ist nur der kleinere östliche Teil des 22 000 km2 großen Nationalparks geöffnet, in dessen Zentrum die Etoshapfanne liegt. Sie wird als Salzwüste eingestuft und ist praktisch vegetationslos.
Heute soll es weit nach Osten in den sogenannten Caprivistrip gehen, doch ca. 30 km östlich von Rundu, der letzten größeren Siedlung, fängt unser Auto an eigenartige Klopfgeräusche zu machen, wir drehen um, kommen aber nicht mehr weit, denn wir bleiben mit Maschinenschaden liegen. Telephonieren geht nicht - kein Netz; so stoppen Paul und Clemens nach Rundu zurück, während Gerd, Karin und ich das Auto ”bewachen”. Gott sei Dank sind die einzigen, die sich uns nähern, nur neugierige Kinder. Überraschend schnell ist ein Abschleppdienst organisiert, aber unser Auto ist nicht mehr zu retten. Der (deutschstämmige) Werkstättenbesitzer schleppt uns auf einen Campingplatz in der Nähe und bereits um 4h morgens ist unser neues Auto aus dem 700 km entfernten Windhoek herauftransportiert. 
Nach dem Autotausch - unsere ganze Ausrüstung muß in den leider etwas kleineren Wagen umgeschlichtet werden - erwartet uns aufgrund der Panne eine sehr lange Tagesetappe von etwa 400 km - Gott sei Dank alles Asphalt! Von der noblen Lianshulu Lodge am Kwando River sind wir restlos begeistert. Die stilvoll eingerichteten Bungalows sind entzückend. Am Nachmittag gibt es gleich eine Bootsfahrt mit fachkundiger Führung. Hippos, Elefanten, Leguane und Unmengen von bunten Vögeln säumen unseren Weg. Die Elefanten können wir sogar in aller Ruhe von unserem Bungalow aus vorbei promenieren sehen, etwas unromantischer ist am Abend aber die Tatsache, dass wir uns unseren Weg durch die Elefantenherde zur Lodge kämpfen müssen. Das Essen ist ”very British” und nach dem Essen werden wir vom Chef persönlich zu unseren Bungalows begleitet - Elefantengefahr! Am nächsten Morgen erfahren wir, dass ein Löwe um unser Haus geschlichen ist.
 Der Höhepunkt des nächsten Tages ist ein Flug über das Okawango-Becken. Wir müssen uns schon recht klein machen, um alle in dem Fliegerlein Platz zu haben. Nach einer Zwischenlandung in Maun, Botswana, fliegen wir in ca. 1000 ft Höhe (recht ruppig) über das zur Zeit überflutete Delta. Aus dieser Höhe sind Giraffen, Springböcke und riesige Elephantenherden recht gut zu beobachten. Nach etwa einer Stunde landen wir mehr oder weniger wohlbehalten auf dem kleinen ”airstrip” in der Nähe der Lodge. Der Nachmittag bringt wieder eine Bootsfahrt mit einer Nachhilfestunde in Vogelkunde - Birdie ist wieder in seinem Element.
Nach dem Frühstück folgt ein etwas wehmütiger Abschied von der Lianshulu Lodge, ein paar Tage hätten wir es hier leicht noch ausgehalten. Nun beginnt wirklich die Rückreise und das spüren wir alle. Zunächst bleiben wir noch im Norden, in der Ndovo Lodge, die am Okawango liegt, den wir tags zuvor von oben bewundern durften. Ein Besuch  im Lizauli Traditional Village gibt uns das Gefühl im Höfemuseum in Kramsach gelandet zu sein, aber es ist wenigstens eine Möglichkeit für die recht arme Bevölkerung hier etwas Geld zu verdienen. Deshalb bedenken wir auch deren Vorführungen mit gebührendem Applaus, obwohl wir uns als ”tourismusgeschädigte” Tiroler nicht ganz wohl in unserer Haut fühlen. Anders als bei uns zuhause werden wir nach einem recht guten Abendessen um ca. 20h durch Auslöschen der Kerzen förmlich ins Bett komplimentiert. Noch ist Polen also nicht verloren!
Unsere längste Tagesetappe mit sage und schreibe 800 km steht uns heute bevor. Auf dem Weg zum Waterberg gibt es nur einen Stop - beim 60 000 t schweren Hoba-Meteoriten in der Nähe von Grootfontain. Bei Sonnenuntergang (wie immer) kommen wir an. Unsere letzten zwei Campingtage sind angebrochen. Am nächsten Morgen besteigen wir den Waterberg, der wie ein Trapez in der Landschaft steht, und genießen den Ausblick auf die umgebenden Ebenen, den Nachmittag verbringen wir am Swimmingpool und im ”Biergarten”. Der Abend beim unweigerlich letzten Grillfeuer endet beschaulich.
Auf der Rückfahrt nach Windhoek machen wir noch einen Zwischenstop bei einer Straußenfarm. Die Erklärungen, die wir hier in Deutsch zu hören bekommen, ernten großes Gelächter. ”Alt aber nicht kalt” und diverse Photos werden uns sicher immer in Erinnerung bleiben. Wieder im Fürstenhof angelangt versteht es sich, dass der Abend mit einem ”Dialog” und einer Auswahl an südafrikanischem Rotwein ausklingt. Am unausweichlich letzten Tag gehen wir noch auf Geschenkejagd und werden im ”Deutschen Bücherkeller” und im ”Arts and Craft Center” fündig - Gott sei Dank oder leider (für unsere leeren Brieftaschen). Auf der Fahrt zum Flughafen wird nicht viel geredet, jeder hängt seinen Gedanken nach und weiß, dass wir 3 wunderschöne Wochen miteinander verbracht haben.

 Mag. Lydia Schwaiger

 

Expeditionen ins Erbgut
Der Wettlauf um die Formel des Lebens

Biotechnologie und Gentechnik – 2 Schlagworte , die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen haben und teilweise unangenehme Gefühle in der Bevölkerung erzeugen. Teils irrationalen Ängsten steht die Tatsache gegenüber, dass die Biotechnologie im wirtschaftlichen Bereich zusammen mit der Informationstechnologie die „New Economy“ an den Börsen der Welt auf eine Achterbahnfahrt geschickt hat.
Ein großer Teil  der Bevölkerung hatte nicht die Möglichkeit, mit der rasanten Entwicklung in diesem Wissensgebiet mitzuhalten, ein anderer  Teil hat sein in der Schule gelerntes Grundwissen über die Genetik  wieder vergessen. Heute wird der Bedeutung der Thematik entsprechend  bereits ein Großteil der Abschlussklasse an der AHS der Genetik und ihren Anwendungsbereichen gewidmet.
Gerade im letzten halben Jahr kam es immer wieder zu Meldungen über eine Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes, und die Börsen der Welt zeigten auf Grund von Meldungen aus dem Bereich der Informations- und Biotechnologie in ihrer Dynamik eine bisher noch nie da gewesene Berg- und Talfahrt. Folgender Bericht soll dazu dienen, diese Meldungen und Vorgänge etwas verständlicher zu machen.

Auffrischung des Grundwissens

Wie kommt es zur Ausbildung von „Merkmalen“ (z.B. Augenfarbe, Erbkrankheit etc.)? Erzeugt werden sie durch Proteine (Eiweiße), die entweder direkt oder als Biokatalysator für weitere Reaktionen wirken. 
Die Proteine selbst bestehen aus 20 möglichen Aminosäuren, die in beliebiger Reihenfolge in großer Zahl zusammengesetzt werden können. Diese Reihenfolge der Aminosäuren wird jedoch indirekt bestimmt durch den Bau der Desoxyribonucleinsäure (kurz DNS oder engl. DNA), bei der die vier Basen Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C) mit ihren unendlichen Kombinationsmöglichkeiten die Grundmuster der Gene bilden. Die DNS ist das eigentliche Erbmaterial, das im Zellkern einer jeden Zelle des Körpers in seiner Gesamtheit vorliegt. Normalerweise bildet die DNS ein diffuses Fadengewirr, nur im Stadium der Zellteilung konzentriert es sich zu wurstförmigen Gebilden, den Chromosomen. In jedem Zellkern der menschlichen Körperzellen befinden sich 23 verschiedene Chromosomenpaare, die überwiegend aus der DNS (mit der Geninformation) aufgebaut sind.
Beim Vorgang der Eiweißherstellung (Proteinsynthese) wird über mehrere Schritte die in der Reihenfolge der 4 Basen codierte Bauinformation für die Proteine abgelesen, übersetzt und durchgeführt. Die 4 verschiedenen Basen mit ihrer Reihenfolge stellen also in einem bestimmten Abschnitt der DNS ein Gen dar und sind verantwortlich für den Aufbau eines Proteins und damit für das Auftreten eines Merkmals oder zumindest für die Teilausprägung eines Merkmals (Merkmale werden wahrscheinlich nicht nur von einem Gen, sondern vom Zusammenwirken mehrerer Gene bestimmt).
Eine wesentliche Eigenschaft der DNS ist es, sich verdoppeln zu können. Ihr Doppelstrang-Bauplan und die Tatsache, dass die vier Basen A, T, G und C nur zwei kombinierbare Paare bilden (A --T und G--C), bewirken, dass bei einer Teilung in 2 Einzelstränge der jeweils fehlende Teil durch freie Basen ersetzt werden kann und so zwei identische DNS-Stränge entstehen. Ohne diese Eigenschaft wäre weder eine natürliche Weitergabe der DNS und der auf ihr gespeicherten Information an Nachkommen, noch eine Vermehrung der DNS im Labor möglich.

Die Anfänge der Genetik

Die Geschichte der Genetik ist eine Abfolge von eigenartigen Zufällen, abstrusen Irrwegen und genialen Einfällen. Gregor Mendel, der Vater der Genetik hätte sich Mitte des 19. Jh. wahrscheinlich nicht gedacht, dass seine einfachen, im Klostergarten zu Brünn durchgeführten Kreuzungsversuche mit Pflanzen im 3. Jahrtausend in einen Wettkampf um die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes münden würden. Aus den damals von niemandem beachteten Experimenten wurden die heute wichtigsten naturwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Von Mendels Kreuzungsversuche, aus denen er die berühmten Vererbungsregeln ableitete (ohne mit dem damaligen Wissensstand ihren eigentlichen Ablauf verstehen zu können) wurde erst rund 40 Jahre später von verschiedenen Wissenschaftlern wieder Notiz genommen. Zu Beginn des 20. Jh. fiel dem englischen Arzt Archibald Garrod auf, dass gewisse Krankheiten bei bestimmten Familien immer wiederkehrten (z.B. Rot-Grün-Blindheit). Dies führte ihn zur Vermutung, dass es so etwas wie Erbkrankheiten geben müsse, und damit sah er auch plötzlich einen Anreiz in der Erforschung der Vererbung: man sollte versuchen, die ”chemische Individualität” des Menschen zu erfassen.
Die Forschungsobjekte der Genetiker waren aber vorerst kleinerer Art. So zum Beispiel die zur Berühmtheit gelangte Drosophila melanogaster (Frucht- oder Taufliege), welche ausgerechnet von dem Mann etabliert wurde, der mit ihr beweisen wollte, dass es gar keine Gene gibt, nämlich von Thomas Hunt Morgan. Ab 1908 war sie der Genetiker liebstes Haustier für Kreuzungsversuche und Merkmalsanalysen.

Entdeckung und Entschlüsselung der DNS

Erst 1944 erkannten Mikrobiologen am New Yorker Rockefeller Institute, dass es sich beim Erbgut um eine Säure, nämlich Desoxyribonucleinsäure handelt, welche unter anderem auch aus den 4 Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin aufgebaut ist. Letztere sind es auch, die für den Code des Lebens verantwortlich sind – aus diesen vier ”Buchstaben” A,T,G und C wird der Bauplan aller Lebewesen im Erbgut verschlüsselt. Damals wusste man jedoch noch nichts über Bau, Struktur und Funktionsweise dieses Riesenmoleküls. Dieses Geheimnis lüfteten Anfang der 50-Jahre Jim Watson und Francis Crick, indem sie unter Verzicht auf eigene zeitaufwendige Laborexperimente und Berechnungen in fremden Revieren ”wilderten” und in einer genialen Zusammenschau verschiedenste Forschungsergebnisse anderer Wissenschafter verarbeiteten – sie haben die Struktur der DNS eigentlich in einer geistigen Meisterleistung ”erdacht” und nicht erforscht.
So kompliziert und rätselhaft der Aufbau und die Funktionsweise der DNS vorher war, so simpel war nun zu erkennen, wie die Zellen ihre Erbinformation auf die nächste Generation weitergeben können.

Hammer und Meißel der Genetik

Ab dieser Zeit entwickelte sich die Mikrobiologie rasant weiter. Man klärte in den folgenden Jahren auf, wie Gene die Bauanleitung für Proteine weitergeben und so für deren Synthese und eine Merkmalsausbildung verantwortlich sind. Es hatte jedoch noch niemand eine Idee, wie dies auch praktisch zu nutzen gewesen wäre, da man keine Ahnung hatte, wie man einzelne Gene, sprich DNS-Abschnitte aus den Chromosomen bzw. aus der Zelle herausbringen sollte. Dies wurde Ende der 60-er Jahre mit der Entdeckung der Restriktionsenzyme (Hammer und Meißel der Gentechniker) realisiert. Bakterien besitzen eine Menge solcher molekularer Werkzeuge, mit deren Hilfe man DNS-Stränge an bestimmten Stellen zerschneiden und damit auftrennen kann.
In einem Experiment gelang es den beiden amerikanischen Biochemikern Boyer und Cohen erstmals, Gene aus Zellen heraus zu lösen, zu zerschneiden, neu zusammen zu setzen (rekombinieren) und wieder in Zellen einzuschleusen. Dieser Versuch schleuderte die Genetik heraus aus der Studierstube der theoretischen Wissenschaft und hinein in die Welt der angewandten und damit auch kommerziellen Labors der Pharmaindustrie. Neben der Nutzung bei der Medikamentenherstellung durch gentechnisch veränderte Bakterien etablierten sich seit den 80-er Jahren auch andere Betätigungsfelder. Bekannt wurde vor allem die Täter-Identifizierung in der Kriminologie mit Hilfe ”genetischer Fingerabdrücke”. Dafür war nicht die genaue Kenntnis über die exakte Basenabfolge am DNS-Strang erforderlich, sondern es genügte die Tatsache, dass die durch Restriktionsenzyme hervorgerufene Zerteilung der DNS in verschieden große Fragmente ein für jeden Menschen individuelles Muster ergibt. 

Polymerase-Ketten-Reaktion

Die Erfindung der  labortechnischen Vermehrung von DNS-Stücken durch die Polymerase-Ketten-Reaktion war ein weiterer wichtiger Schritt, da nun relativ schnell genügend DNS-Material für die Untersuchung hergestellt werden konnte. Erst jetzt konnte man an die genaue Entschlüsselung der Gene herangehen, also die exakte Sequenz sämtlicher Bausteine bestimmen. Für das menschliche Genom (= Gesamtheit der Gene) würde das bedeuten, dass die richtige Reihenfolge von ca. 3 Mrd. Bausteinen (enthalten schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Gene) ermittelt werden muss. Hintereinander aufgeschrieben ergäbe dies 1000 Bücher mit je 1000 Seiten á 3000 Buchstaben.

HUGO und die „Genjäger“

Gegen Ende der 80-er Jahre begann in den USA das sogenannte Human Genome Project als bisher größtes Projekt der Biowissenschaften mit der Kartierung der menschlichen Gene. Ziel war es, in rund 15 Jahren (Gesamtetat 3 Mrd. $) die räumliche Lage der menschlichen Gene auf den Chromosomen und die ihnen zu Grunde liegende Abfolge der vier Basen A,T,G und C zu erforschen. Inzwischen starteten auch in anderen Ländern derartige Genomprojekte (z.B. BRD, Frankreich, GB, Japan) und wurden mit den Bemühungen in den USA koordiniert – es entstand 1990 die offizielle Human Genome Organisation (HUGO) mit weltweit mehr als 1.000 beteiligten Wissenschaftern.
Parallel dazu wurden aber speziell in Amerika auch private Forschungsfirmen aktiv, die eigenständig oder im Schlepptau großer Pharmakonzerne begannen, die gleiche aufwendige Arbeit zu erledigen. Hintergrund dieser Konkurrenz ist die Jagd nach der Patentierung von Genen. Nach amerikanischem Recht kann nur der an der Erforschung eines Gens mit eventueller medizinischer Nutzung weiterarbeiten, der es als erster richtig ”buchstabiert” und patentiert hat. Jeder versucht nun vor den Konkurrenten die aussichtsreichsten ”Targets” zu besetzen und abzusichern (Targets sind Zielmoleküle auf der DNS, von denen Krankheiten ausgehen). Von Interesse sind natürlich vor allem jene, auf denen sich Anlagen für Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Alzheimer befinden könnten. Die Pharmaunternehmen, welche als erstes die zuständigen Gene und Fehler finden, können sich dann durch Patentierung das alleinige Recht für eine Wirkstoffentwicklung sichern. Dies rentiert sich, wenn man bedenkt, dass zur Zeit der jährliche herkömmliche Forschungsaufwand der Pharmaindustrie ca. 50 Mrd $ beträgt und es rund 500 Mio. $ kostet, ein normales Medikament marktreif zu machen. Die Kenntnis der krankheitsverursachenden Gene würde einerseits einen gezielteren Behandlungsansatz bringen und andererseits die klinische Erprobung von Medikamenten extrem verkürzen und damit verbilligen. Damit werden Genpatente zu einer wichtigen Waffe im Wirtschaftskrieg um das menschliche Erbgut.
Ein weiteres Ziel liegt in der Diagnostik: Ärzte sollen durch spezielle Verfahren die Abweichungen in der Gensequenz eines Patienten erkennen können. Solche Methoden mit der Bezeichnung snips-Verfahren (snips = jene rund 3 Millionen Stellen im Erbgut, an denen sich die Menschen unterscheiden und über Aussehen, Krankheitsanfälligkeit etc. entscheiden) existieren zwar noch nicht, einige innovative Biotech-Unternehmen (z.B. PE Biosciences oder Qiagen) basteln jedoch schon emsig daran. Insgesamt gesehen wird die Pharmaindustrie durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms (Gesamtheit der Gene) wahrscheinlich eine ähnliche Umwälzung erfahren wie die Informationstechnologie durch das Internet.
All diese Tätigkeiten der privaten Biotechfirmen (z.B. Celeron Genomics, Incyte etc.) und Pharmariesen spornte auch die Geschwindigkeit von HUGO an, da es eines ihrer Anliegen ist, möglichst wenige der Gene unter Patentschutz kommen zu lassen und so eine Monopolisierung zu verhindern. Aus diesem Grund werden alle Forschungsergebnisse der offiziellen Human Genome Organisation täglich ins Internet gestellt und so schnell als möglich veröffentlicht. Einmal veröffentlicht kann die Sequenz nicht mehr patentiert werden und ist allen zugänglich. Von interessierten Menschen können im Internet unter www.genbank alle bisher veröffentlichten Daten abgefragt werden. Das National Center for Biotechnological Information (www.ubci.nlm.nih.gov/genome/seq) fasst regelmäßig den aktuellen Stand zusammen.
Einen kleinen Schock bei manchen Vertretern des HUGO löste im heurigen Frühjahr die Ankündigung des US-amerikanischen Mikrobiologen Craig Venter aus, dass sein Unternehmen Celera Genomics das menschliche Erbgut zu 99% aufgedeckt habe und im Sommer ein Endergebnis liefern will (ca. 10 000 eingereichte Patentanträge). Die Mitarbeiter von HUGO glauben aber, dass diese Ergebnisse 100 mal mehr Fehler aufweisen als ihre eigenen. Außerdem schlugen sie im Mai dieses Jahres zurück, indem sie die komplette Entzifferung von Chromosom 21 veröffentlichten (bestehend aus ca. 34 Millionen Bausteinen beinhaltet es 679 Gene). Dies stellt einen weiteren Etappensieg dar, nachdem im Dezember 1999 bereits Chromosom 22 vollständig aufgeklärt wurde. Spätestens im Jahre 2003 soll dann eine lückenlose Aufzeichnung des menschlichen Erbgutes vorliegen.
Trotz all dieser Fortschritte ist die Genom-Forschung heute aber erst dort, wo die Computerindustrie vor ca. 25 Jahren stand. Man muss nämlich erst lernen, die 3 Mrd. Bausteine als ”Text” lesen zu können. Momentan bietet sich noch ein überwiegend unverstandener Genkauderwelsch, der auf seine Übersetzung wartet – übertrieben ausgedrückt: Wenn man 4 verschiedene Buchstaben hintereinander an 3 Mrd. Positionen in der richtigen Reihenfolge aufschreiben kann, heißt es noch lange nicht, dass man ihren Sinn versteht. Von den meisten Genen kennt man dann zwar die Lage, weiß aber noch nicht, wofür sie verantwortlich sind.

Folgen der Gentechnik

Die Fortschritte dieses Forschungsbereiches haben auch eine Fülle rechtlicher und ethischer Fragen zur Folge – dürfen z. B. aus den Gendaten privatwirtschaftliche Gewinne erzielt werden? Wie schwerwiegend muss der identifizierte Gendefekt bei einem Ungeborenen sein, um einen Schwangerschaftsabbruch zu rechtfertigen? Wie weit darf das Genom eines einzelnen manipuliert werden?  u.s.w.
Zur Frage der privatwirtschaftlichen Nutzung kann man anmerken, dass eine Patentierung von Einzelgenen die weitere Forschung an ihnen behindern würde, wenn der Patentinhaber momentan selbst nicht an ihnen interessiert ist und auch keine Lizenzen vergeben würde. Es müsste daher eigentlich reichen, wenn wie bisher das entwickelte Medikament oder Heilverfahren, welches dann erst die eigentliche Erfindung darstellt, patentierbar wäre. Während in Amerika diese Genpatentierung leider schon lange klare Sache ist, wurden in Europa die Bestimmungen unter Druck der Biotechnologie-Lobby seit Jahren erst langsam aufgeweicht. Wurde 1973 die Patentierung von Tierrassen und Pflanzensorten vom Europäischen Patentübereinkommen noch kategorisch verboten, so wurde über mehrere Schritte bis 1999 die Vergabe von Patenten auf menschliche Gene erlaubt, sofern sie „isolierte Bestandteile des menschlichen Körpers sind”. Der juristische Streit geht um die Frage von Entdeckung und Erfindung. Erstere kann man eigentlich nicht patentieren. Da man aber auch die Gene nicht neu erfindet, sondern nur ihre Sequenz aufdeckt, widerspricht es den Regeln, sie patentieren zu lassen.
Es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis man über die Kenntnis der bloßen Sequenz hinauskommt. Wie dann all die Möglichkeiten genutzt werden, hängt vom ethisch-moralischen Weltbild der Gesellschaft und der darauf aufbauenden rechtlichen Situation zusammen. Ein vorsichtiger Umgang mit diesem Wissen wäre sicherlich angebracht. Selbst die in der Bevölkerung weithin am meisten akzeptierte Einsatzmöglichkeit der Gentechnik, nämlich der erhofft erfolgreiche Einsatz in der Medizin, wirft angesichts der weltweiten Bevölkerungsexplosion und teilweise bereits starken Überalterung in hochentwickelten Ländern einige provokante Fragen auf. Ist es global gesehen überhaupt ein erstrebenswertes Ziel, die medizinische Versorgung mit solch effizienter Schlagkraft gegen Krankheiten auszustatten? Was für den einzelnen sicher ein Segen sein kann, ist unter Umständen für die gesamte Menschheit und ihre weitere Entwicklung zumindest ein fragwürdiges Unternehmen. Wird der Mensch in Zukunft gentechnisch fit und arbeitswillig bis zum 100. Geburtstag arbeiten und so die Pension sparen? Werden anders als heute nur noch hochintelligente Wesen die Geschicke der Staaten lenken und bestimmen? Die Liste von Fragen an die Zukunft ließe sich beliebig fortsetzen. Wichtig ist, dass auch weiterhin das Individuum als solches erhalten bleibt und im Sinne der Evolution die Vielfalt (auch wenn sie mit Fehlern behaftet ist) vor der Eintönigkeit den Vorrang erhält. Was ist schlimmer als die langweilige Konformität des Perfekten! Nur in der Vielfalt findet der Mensch verschiedene Wege und Angebote für seine biologische und kulturelle Entwicklung.

Dr. Paul Hofmann

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Redaktion: Mag. Walter Kimeswenger
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